Herbstlauf in Ofen


P R O L O G

Aufgeregt war ich.

Muss ich zugeben.

Meine verspätete Heimpremiere bei einem norddeutschen Lauf.

Mein erster Lauf seit der Geburt von Jorik, fast anderthalb Jahre seit meinem letzten ernstgenommenen Wettkampf.

Dazu hab ich mich auch recht kurzfristig dazu entschlossen, dass das Rumgejogge mit mehrwöchigen Phasen ohne Laufen jetzt ein Ende haben muss und mich zu einem Schwall von Läufen angemeldet. Die Teilnahme am vorherigen Sonntag beim 10km-Lauf des Bremer Marathons war da als Auftakt gerade richtig. Mal wieder einen Startschuss hören, über eine Ziellinie zu laufen, diesmal noch ohne sich anzustrengen, nur andere sich abmühen zu sehen, tat gut.

Wie schnell würde ich sein? Auch eine gute Frage, die ich mir in den Tagen vor dem Lauf immer wieder gestellt hatte.

Über 45 Minuten hätte mir nicht gefallen, das gebe ich zu. Aber würde ich schneller laufen können?

Im April und Mai des Jahres war ich gut drauf, bis mich eine Erkältung und ein darauffolgender Trainingshänger fast wieder bis September ausbremste.

Das Training in der Woche vor dem Lauf ließ mich ein wenig zuversichtlicher werden. Sub45 sollte einfach drin sein, aber was für eine Marschroute würde dies für den Lauf in Ofen bedeuten?

Ganz klar: Meine übliche Taktik – loslaufen und sehen was passiert. Der erste Kilometer würde wie üblich einen Tick zu schnell sein und der zweite und dritte das Tempo für den Rest vorgeben.

Gerhard am Montag den Fehdehandschuh für seinen auch am 3.Oktober stattfindenden 10er zurückwerfen, war dann noch der nächste Schritt und ich bereitete mich dann nur noch durch Beinehochlegen auf den Lauf vor.

Nur eines bereitete mir immer noch Sorgen. Der Begriff Tempohärte war mir in seiner Bedeutung noch bekannt, aber ob ich diese Bedeutung in einer irgendwie gearteten Weise umsetzen könnte…? Um mich zu beruhigen ging ich in Gedanken, noch mal alle Tempodauerläufe des letzten halben Jahres durch. Nach mehrmaligen Durchzählen kam ich trotz Benutzung aller mathematischen Tricks auf die glorreiche Zahl eins, vielleicht anderthalb, wenn ich den Lauf mit Babyjogger von vor zwei Wochen dazuzählen würde.

Etwas richtig schnelles, längeres hatte ich seit über einem Jahr nicht mehr gemacht.

Intervalltrainig hatte ich, also kürzer und noch schneller, hatte ich auch seit Mai 2006 genau einmal gemacht. Auch vor einer Woche.

Sobald also meine Beine in irgendeiner Form mit Laktat konfrontiert werden würden, würden die sich also freundlich an die Stirn kloppen und dem Oli sagen, dass er das mal alleine machen soll, sie würden sich da an den Straßenrand stellen, ich könne sie ja nach Zieleinlauf wieder abholen.

Wie gesagt, ein bisschen aufgeregt war ich schon…

Zum Herbstlauf in Ofen muss man selber nicht mehr viel erzählen. Dies war meine vierte Teilnahme an dem Lauf und auch mein vierter Bericht (s.a. Herbstlauf in Ofen 2003, Herbstlauf in Ofen 2004, Herbstlauf in Ofen 2005)

Es ist einer meiner Lieblingsläufe, gut organisiert, gut ausgeschildert, schnelle Strecke, viele Zuschauer, gute Stimmung – einfach empfehlenswert. Und, erstaunlich für den norddeutschen Oktober – immer gutes Wetter, nicht zu kalt, nicht zu warm und die Sonne zeigt sich auch meist nochmal.

Es ist auch schön, an bekannten Läufen teilzunehmen. Man weiß, wo man sich einlaufen kann, man weiß, wo der Start ist, man weiß, an welchen Bäumen man sich erleichtern kann, man sieht bekannte Gesichter, kann ein bisschen schnacken („total aus der Form heute“) usw. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.

Chrissi, Jorik und ich

Jorik war auch das erste Mal dabei. Noch nicht bei den Bambiniläufen, aber das wird er dann nächstes Jahr machen. Noch musste er diesmal auf dem Start-und Zielgelände im Babyjogger bleiben, während Chrissi auf ihn aufpasste. Den Zieleinlauf der Bambinis schauten wir uns noch gemeinsam an, doch dann musste ich mich allmählich bereitmachen.

Erwähnte ich schon, dass ich ein wenig aufgeregt war?

D E R L A U F

Zum Einlaufen gehe ich auf die Laufstrecke, jogge und gehe abwechselnd einige hundert Meter, statte der gewissen kleinen Baumgruppe wie in den letzten Jahren einen Besuch ab, schnüre meine Laufschuhe neu und absolviere auf dem Rückweg zur Startlinie einige Steigerungen, die sich „natürlich“ ganz schlecht anfühlen.

Eine Truppe von Laufrausch treff ich noch, die wollen gemeinsam laufen, ungefähr auf 46 Minuten. „Nein, ich will heute schnell angehen, ihr könnt mich ja eventuell einsammeln…“.

Irgendwie will ich das heute alleine durchziehen, will mich selber durch die wie üblich unangenehmen Mittelkilometer quälen.

Ich stelle mich recht gut ca. 4 Meter hinter der Startlinie auf, drängel mich von der Seite ein wenig rein. Erfahrungsgemäß wird man ja eh noch ein wenig nach hinten geschoben. Da es für mich um keine Bestzeit geht, sehe ich das relativ entspannt, aber ganz nach hinten will ich nun auch nicht, mein Tempo (welches war das nochmal?) möchte ich schon einigermaßen schnell laufen können. Leider verschiebt sich dann der Start noch um 10 Minuten. Was tun? Wieder warmlaufen, oder einfach warten. Ich entschließe mich dafür, einfach stehenzubleiben, lange nicht mehr in einem dichtgedrängten Starterfeld gestanden. Trotz Sardinenenge ein gutes Gefühl. Außerdem krieg ich den Startplatz bestimmt nicht wieder.

Pünktlich, inklusive der zehnminütigen Verspätung, geht es dann wirklich los. Startschuss und dann bin ich ziemlich schnell auf der Strecke. Dort herrscht wie üblich Chaos pur und ich mittendrin… herrlich!

Erst nach ungefähr 500m, ab der ersten Kurve kann man einigermaßen frei laufen, die Kilometerschilder sieben und vier werden passiert (Ofen ist eine Rundenstrecke), das erste steht, wie ich weiß, kurz hinter der Ecke zur Hauptstraße.

Vorbeilaufen, Uhr abdrücken, Zeit ablesen, 4’08″… genau nach Plan, nämlich ein wenig zu schnell – das Tempo werde ich zumindest heute nicht halten können. Ich hab allerdings auch den Verdacht, dass der erste Kilometer ein wenig zu kurz geraten ist.

Ab jetzt soll meiner Taktik nach aber auch erst mein Rennen beginnen. Das Tempo auf den nächsten 2 Kilometern werde ich für den Rest des
Laufes einfach halten.

Das geht auch recht locker, auch wenn ich an einigen Stellen noch von Läufern, die zu schnell angegangen sind, aufgehalten werden. Irgendwie treten die immer in Rudeln auf… („Nicht stehenbleiben… hier gibt es nichts zu sehen… bitte weiterlaufen…“).

Mit insgesamt ein wenig über 4:20er Schnitt gehen die Kilometer 2 und 3 dann vorüber, das würde auf eine 43’30“ hinauslaufen. Prima, damit wäre ich erstmal sehr zufrieden. Die Beine fühlen sich auch noch recht gut an, an das Tempo könnte ich mich gewöhnen.Kilometer vier ist mit 4’23“ auch in Ordnung.

Damit ist auch die erste Runde geschafft. Man hat alles auf der Strecke einmal gesehen, die Sambaband trommelt an ihrer üblichen Stelle, der örtliche Posaunenchor spielt Kirchenlieder vor der Dorfkirche, die Zuschauer im Start-und Zielbereich machen wieder ein Heidenspektakel, beim Laufen in den Wohngebieten wid man von nach draußen gebrachten Stereoanlagen mit den unterschiedlichsten Musikarten konfrontiert und man kann sich voll auf das konzentrieren, weswegen man hier hergekommen ist – Laufen.

Aber allmählich kommt es so, wie ich es befürchtet habe, es läuft nicht mehr ganz so leicht. Kein Einbruch, kein plötzliches Stehenbleiben, eher ein schleichender Prozess. Und „schleichend“ ist ja bei einem Rennen eher unpraktisch.

Man wird allmählich langsamer, man muss mehr Druck auf den Boden geben, als noch wenige Minuten vorher, man fragt sich öfter, wofür man das hier eigentlich macht, ein wenig Seitenstechen kommen auch noch dazu. „Tempohärte“ fehlt mir, „Weichei“ raunze ich mich innerlich an, aber es ist keiner da, der zuhört.

Zweimal Kilometerabschnitte mit 4’31“. Da lauf ich doch mit Babyjogger sonst schneller (ok… jedenfalls hab ich das letztens mal gemacht), noch vier Kilometer vor mir und überhaupt keine Lust mehr.

Noch einmal durch den Zuschauerbereich durch, da werde ich immer noch ein wenig schneller, man will ja schließlich gut aussehen. Eine gewisse Eitelkeit läuft ja immer mit. Brust raus, Augen geradeaus, der Schritt ein wenig kraftvoller. Kilometer 7 ist dann auch wieder ein wenig schneller vorbei.

Innerlich falle ich danach aber zusammen. Schlurfschlappschrittig scheine ich förmlich über die Straße zu schleichen. Die, mit denen ich seit Anfang des Rennens zusammengelaufen bin, sind mittlerweile einige Meter vor mir. Kilometer 8, 4’33“. Die Zwischenzeit ist bei über 35 Minuten. Vor zwei Jahren, meinem letzten Lauf hier, war ich über 20 Sekunden schneller. 43’30“ packe ich eh nicht mehr, selbst eine sub44 ist so gut wie weg. Gerhard überholt mich virtuell und grinst mich triumphierend an. Seitenstechen hab ich auch. Aufs Laufen konzentriere ich mich auch nicht mehr richtig. Ich denke an alles mögliche und an gar nichts, will einerseits die Seitenstechen wegatmen, andererseits an dem Typen, der mich überholt dranbleiben, aber nichts gelingt mir richtig.

Die Läufer, die ich mittlerweile überrunde, irritieren mich. „Häng dich ran…“ scheinen sie zu sagen. „Komm mach langsam, so machts doch auch Spaß!“

Rainer überholt mich. Im Vorbeilaufen ruft er mir irgendwas zu, was ich einfach als Aufforderung verstehe, mich an ihn ranzuhängen. „Hinterher“, denke ich, „nur dranbleiben, nur laufen…“ es klappt einigermaßen. Immerhin noch 4’34“ für den vorletzten Kilometer und ich komme langsam auch wieder in den Tritt.

Nur noch einen Kilometer, nur noch wenige hundert Meter bis zu der Stelle, die ich mir in der ersten Runde als Markierung für den Beginn der Schlussoffensive eingeprägt hatte.

Rainer einige Meter vor mir, schließe ich wieder auf einige Läufer auf, die mir vorher enteilt waren. Ich überhole wieder. Immer näher kommt das Ziel, ich kann es schon hören. Der Ansager ruft Namen und Nummern in sein Mikrofon, laut wummert Musik. „Los komm!“ rufe ich aufmunternd, als ich an einem Läufer vorbeiziehe. Meine ich ihn oder mich? Ich weiß es nicht. Die letzte Kurve. Einlauf auf dem Sportgelände, da das Ziel… durch… puh…

Lächeln!Zielspurt

Im Zielkanal wird meine Nummer aufgeschrieben und zum Abschluss nochmal gescannt.

Chrissi und Jorik sind da. Ich bekomme etwas zu trinken. Ich krieg ein Lebkuchenherz. Mir gehts gut!

Ich bin im Ziel und hab einen Wettkampf mitgemacht. Das hat mir echt gefehlt.

E P I L O G

Das war also mein Herbstlauf in Ofen 2007.
Eine Standortbestimmung für das darauffolgende Training sollte es sein und dafür war das recht ordentlich. 44 Minuten und vier Sekunden. Über
die gelaufene Zeit bin ich nicht begeistert aber auch nicht unzufrieden. Insgeheim wäre ich gerne sub44 gelaufen, aber da fehlten halt einige Sekunden, vielleicht auch nur ein bisschen „Wollen“. Ach ja, und gegen Gerhard hab ich auch verloren, der ist bei seinem 10er 43’33“ gelaufen. Da muss ich beim Citylauf am 21.10.also nachlegen.

S T A T I S T I K

4:08
4:25
4:19
4:23
4:31 21:47
4:31
4:25
4:33
4:34
4:15 44:04

Insgesamt wurde ich 166. von insgesamt 866 Läufern und Läuferinnen. Altersklassenplatz 31 in der M35.

Advertisements

1 Kommentar zu „Herbstlauf in Ofen“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s